{"id":440,"date":"2012-01-27T22:27:15","date_gmt":"2012-01-27T21:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.fhaga.de\/?p=440"},"modified":"2012-03-17T14:48:42","modified_gmt":"2012-03-17T13:48:42","slug":"njoerhug","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.fhaga.de\/?p=440","title":{"rendered":"Stahlg\u00f6tz: I. Njoerhug (1)"},"content":{"rendered":"<p>Im Tal von Mumdidu, in der zerkl\u00fcfteten Hochebene inmitten der Himmelssschuppen, lebten einst die St\u00e4mme der Wei\u00dfen Frauden. Mumdidu war ein karges, unwirtliches Land, dessen kriegerische Bewohner ihr Dasein als Hirten und J\u00e4ger bestritten. Das Land wand sich wie eine altersschwache Schlange, von Osten nach Westen durch die Berge, wo seine Lebensader, der Fluss Fharr\u2018 Gudre, \u00fcber sieben gigantische Treppenstufen in die unbekannten Lande floh.<\/p>\n<p>An einem klirrend kalten Winternachmittag hat sich der Schnee so dicht \u00fcber das zerstreute D\u00f6rfchen Nj\u00f6rhug gelegt, dass man vor wei\u00dfer Farbe kaum die Umrisse der H\u00fctten und H\u00f6fe sehen kann.<\/p>\n<p>Das Erste, was man wahrnimmt, ist zun\u00e4chst ein angestrengtes Keuchen; darauf die vermutlich dazugeh\u00f6renden, ged\u00e4mpften Schritte. Schlie\u00dflich taucht hinter schneebeladenen \u00c4sten ein gro\u00dfer hagerer Mann auf. Yrdokaan der J\u00e4ger hat mal wieder Pech gehabt, die F\u00e4hrte verloren, das Wild aufgeschreckt, was auch immer. Sein Entschluss jetzt ein warmes Pl\u00e4tzchen aufzusuchen, ist nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Kaminfeuer wird er wohl bei der alten Kr\u00e4uterhexe finden. Au\u00dferdem ist da noch die h\u00fcbsche junge Tochter der alten Vettel, die ihn immer so seltsam anschaut, die Gundel. Sie wird ihm bestimmt eine warme und st\u00e4rkende Suppe machen.<\/p>\n<p>\u201eIch gr\u00fc\u00dfe dich Yrdokaan\u201c, sagt Gundel l\u00e4chelnd, als sie dem kauzigen jungen Mann die T\u00fcr \u00f6ffnet. Gundel ist fast ebenso gro\u00df wie Yrdokaan, die beiden schauen sich in die Augen, wer h\u00e4lt das wohl l\u00e4nger durch? Gundel schaut auf den Boden und bittet den Waldl\u00e4ufer einzutreten. Vielleicht h\u00e4tte sie l\u00e4nger standgehalten, schlie\u00dflich ist sie, wie ihre Mutter, eine Hexe.<\/p>\n<p>Gundel und Yrdokaan treten aus dem Windfang in die beheizte Stube, er geht so nah hinter ihr, dass sie seinen hei\u00dfen Atem auf dem Nacken sp\u00fcrt. Die Mutter schaut sich den Mann mit ihren eiskalten, blauen Augen an, er steht zu nahe bei ihrer Tochter.<\/p>\n<p>\u201eDu willst eine Suppe, mein junger Freund? Geh zum Schuppen und hacke Holz f\u00fcr zwei versto\u00dfene Frauen.&#8220;<\/p>\n<p>Der J\u00e4ger mit den drei Z\u00f6pfen, die ihm vom Kinn h\u00e4ngen, verl\u00e4sst kommentarlos das Haus, und wenig sp\u00e4ter h\u00f6rt man in der H\u00fctte von drau\u00dfen das Holz splittern. Gut, dass Yrdokaan wei\u00df, dass man einer Hexe nicht widerspricht.<\/p>\n<p>Nach einer Stunde des Hackens, Zerkleinerns und Aufschichtens ist Yrdokaan so warm geworden, dass er Mantel und Rock abstreift, so dass Gundel, wenn sie ihn holen kommt, seinen nackten Oberk\u00f6rper sehen kann.<\/p>\n<p>Du bist ein bisschen mager,\u201c meint das M\u00e4dchen mit wohl gespielter Entt\u00e4uschung, l\u00e4chelt ihn an, packt seinen Arm und zieht ihn ins Haus, wo ihn eine Sch\u00fcssel voll mit dampfendem und duftendem Eintopf erwartet, den er unter dem kritischen Blick der Mutter und dem Grinsen der Tochter gierig bis zum letzten Tropfen ausl\u00f6ffelt.<\/p>\n<p>\u201eIhr macht den besten Eintopf im\u00a0 Land der Warskogedir, Mutter Jarga. Ich danke Euch.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhr m\u00fcsst uns nun verlassen Dreibart, <em>Meister <\/em>der Jagd. Doch schon bald werdet Ihr meine Tochter wiedersehen.\u201c<\/p>\n<p>Verdutzt packt Yrdokaan seine sieben Sachen, verabschiedet sich und macht sich auf den Heimweg, zum Haus seiner Familie in Njoerhug.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>\u201eDu liebst ihn, nicht wahr?\u201c<\/p>\n<p>\u201eTue ich das? Ich wei\u00df, dass du ihn f\u00fcr einen Versager h\u00e4ltst.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas spielt jetzt keine Rolle mehr. Du wirst mich bald verlassen und er wird mit Dir<br \/>\ngehen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMutter, was soll das? Sag mir was die Zukunft bringt oder lasse es. Sprich mit klaren Worten, du bist nicht die Orakelpriesterin der Vaasen.\u201c<\/p>\n<p>Jargas Z\u00fcge verfinstern sich, das Wissen lastet schwer auf ihrem Herzen. Traurig blickt sie ihre Tochter an. Sie sch\u00fcttelt den Kopf, ihre Tr\u00e4nen kann sie nicht mehr verbergen. Sie hat in Yrdokaans Gesicht den Tod gesehen.<\/p>\n<p>Ich werde schweigen, Gundel hat gro\u00dfes Unheil zu \u00fcberstehen. Ich w\u00fcrde ihr kein Gefallen tun, wenn ich ihr die Zukunft offenbarte.<\/p>\n<p>\u201eGeh morgen ins Dorf, Tochter. Bereite Dich auf eine gro\u00dfe Reise vor. Mehr werde ich Dir nicht sagen. Ich liebe Dich.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Tal von Mumdidu, in der zerkl\u00fcfteten Hochebene inmitten der Himmelssschuppen, lebten einst die St\u00e4mme der Wei\u00dfen Frauden. Mumdidu war ein karges, unwirtliches Land, dessen kriegerische Bewohner ihr Dasein als Hirten und J\u00e4ger bestritten. 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